The Gore Gore Boys - NFL-Crush

The Gore Gore Boys

Die 49ers sind erstmals seit 1994 in der Super Bowl. Wer jetzt „Endlich!“ sagt, muss auch „Schneller als erwartet!“ sagen.

Die San Francisco 49ers sind eine historisches Franchise in allen Belangen, ihre Fans dürfen sich quasi per se nicht beschweren, hat man doch fünf Super Bowls schon im Kasten. Und dennoch ist seit dem Ende der Mariucci- Ära vor, huch, zehn Jahren ein Lauf von 46-82 erduldet worden. Cleveland, Oakland und Detroit waren die einzigen, die weniger gewannen. Darum war die Ankunft von Jim Harbaugh und die damit verbundenen sofortigen zwei Conference Championship Game Teilnahmen Balsam auf der Seele von Fans, die lange warten mussten, um sich wieder freuen zu dürfen.

Tony Gonzalez wartete seit 1997, also auch ein gutes Stück, auf den ersten Playoffsieg und kann nun auch sagen: Endlich! Genauso endlich ist aber jede Karriere und Gonzos Abschied ist bittersüß. Er gewann sein erstes Playoffspiel, und kam dennoch als GOAT nie in die Super Bowl. Sagen wir es so: An ihm lag es nicht. Gonzalez war in den Playoffs, wie schon in der Regular Season, fantastisch. Das Duell der Atlanta Falcons gegen die 49ers war ein super Spiel auf Augenhöhe, das verdient (knapp) ausging, und zwei sehr gute NFC Franchises aufweisen konnte, die noch lange für Unruhe sorgen werden. Die Falcons sind nach einem 13-3 zehn Yards von der Super Bowl entfernt ausgeschieden, mit einer sensationellen und Franchise Rekorde brechenden Leistung von Matt Ryan und Julio Jones. Da gibt’s nix zum Jammern oder zum Selbstbemitleiden, das war eine gute Saison, die nichts mehr von dem Team aufweisen wollte, das sich letztes Jahr mit 2-24 verabschiedete.

Die einzige, spezifische Big-Picture-Kritik an den Falcons ist natürlich nur an Mike Smith zu richten. Die verspielten Führungen sind nämlich keine Eigenart der Prevent-Defense von Mike Nolan, die gab es auch die 4 Jahre davor schon. Wer böse ist – und ein bisschen muss man bei jedem Loss ja schon böse sein – sagt: Die Falcons haben nach 5 Jahren alles von Smith gelernt, was der alte, ruhige, unspektakuläre Herr zu bieten hat. Er hat – und genau das war seine Aufgabe – eine Team in völligem Chaos mit der nötigen Disziplin, Kontinuität und Effizienz gebaut, dass nicht flashy für ein Jahr ist, sondern long term Erfolg haben soll. Das tat er besser und schneller als kaum ein anderer, nur New England gewann mehr Spiele als Atlanta in den letzten 5 Jahren. Aber wenn es darum ging, das Team in den Schlüsselsituation über sich hinauswachsen zu lassen, merkte man, dass was fehlt. Das waren die Playofflosses, die soften Zones in der Führung. Das Team heuer hat Smith mehr oder weniger hinter sich gelassen, weil die Spieler selbst das Ruder in die Hand nahmen: Alle großen Momente heuer (das 34-0 gegen die Giants nach der Niederlage gegen Carolina, der Sieg gegen die Saints, das Comeback gegen Seattle…) waren von Player-Coaches motiviert gewesen, Matt Ryan, Tony Gonzalez, Matt Bryant, Roddy White, sogar Julio Jones, der Sophomore. Smith ist der perfekte Rebuild-Coach für die Rettung eines Franchises, aber das Feuer, das wirklich überragende Teams auszeichnet, und das sein Gegenüber am Sonntag hatte, das fehlt ihm. Er wird natürlich nicht gefeuert werden, was zu einer schlimmen, Chargers-artigen Stagnation führen könnte. Aber sein Job im engeren Sinne in Atlanta ist erledigt.

Das Gegenüber am Sonntag, das hat mit seinem Job erst angefangen. Und das ist die andere Seite der argen 49ers Story: Jim Harbaugh drehte das Team ähnlich schnell um wie Smith die Falcons damals, aber hatte noch die nötigen Energien in petto für sofortigen Playofferfolg im großen Stil. Fehlte letztes Jahr noch das bisschen Fumble-Glück ist man heuer verdient weiter. Harbaugh gehört der Credit nicht nur wegen der Kaepernick-Geschichte, die an sich sensationell ist, sondern auch weil man z.B. mit einem 17-0 Rückstand nicht in Panik verfällt und brav weiter Frank Gore den Ball gibt und sagt: Wir machen das, wie wir das kennen und können. Natürlich wäre im Falle eines Ausscheidens, die liegen gelassenen 10 Punkte von Michael Crabtree (Fumble an der 1) und David Akers (missed 38 Yards FG) ein bitterer Nachgeschmack gewesen, wie letztes Jahr die Kyle Williams Fumbles. Aber das Team ist als komplettes Paket gut genug um sich solche Margin of Errors zu erlauben. Man sieht es auch an den Stats: Colin Kaepernick war gut, aber nicht brillant, Frank Gore kam nicht über 100, Michael Crabtree fiel mehr durch den Fumble als durch seine Screens für 2 Yards auf, die Top-Defense erlaubte fast 400 Pass-Yards. Das war nicht das Green Bay Massaker, das war ein knappes, ausgeglichenes Spiel, in dem das Team mit der besten Summe der einzelnen Teile verdient gewann. Genau so ein Team so früh schon zu haben wird in San Francisco noch lange für Freude sorgen, eine Freude, die man sich verdient hat nach all den Jahren Delirium. Und Teams, die als Gesamtpaket funktionieren, sind in Super Bowls auch oft besser aufgestellt, als One-Hit-Wonders.

A propos Musik: In Wien gibt es eine Trashrock/Garagenpunk-Band, die mich stark an die Harbaugh 49ers erinnert. Sie sind gleichzeitig geschichtsbewusst und anachronistisch, ähnlich wie Jim Harbaugh und Greg Roman in ihren Gameplans oft wie ein Team aus dem 20. Jahrhundert wirken, eben weil sie keinen Peyton Brady under center haben. Sie sind durch das lo-fi-garagig-dreckige „retro“ im eigentlichen Sinn, stilisieren ihre Zugang aber auf keinen Fall als sexy Wissen, wie FM4-Indie-Bands oder Wildcat-Teams. Und sie sind anarchisch, smart, gefährlich, unberechenbar, auf jeden Fall nicht das, was du erwartet hast. Die 49ers erinnern mich mit ihrer verrückt schnellen Super Bowl Teilnahme und der Art und Weise, mit der Harbaugh Gegner überrumpelt und trotzdem mit einem Spieler wie Frank Gore, der für andere Teams wohl als alt und anachronistisch gelten würde, Spiele gewinnt, daran, wie diese Band den Garagenpunk noch immer durch die Wiener Clubs peitscht. Sie heißen, natürlich, The Gore Gore Boys und versetzen ihr Publikum nicht selten in das immergleiche, immerneue und immerverblüffende Staunen wie die San Francisco Gore Gore Boys die NFL.