In seiner Kolumne „Sideline Report“ nimmt Thomas Psaier vor dem anstehenden Draft alle NFL-Teams unter die Lupe und erstellt sein persönliches Ranking.

Verfasst am 18.04.2013 um 12:29
von Thomas Psaier

Eine Art „Power Ranking“ etwas mehr als eine Woche vor dem Start des NFL-Drafts. Nicht klassisch im Sinne der amerikanischen Massenmedien, sondern lediglich der Versuch einer ungefähren Einordnung vor dem Höhepunkt der Offseason.

State of the Art

Das sind die aktuell drei besten Rosters in der NFL. Greifen diese Teams im Draft in die Grütze, sollte es nicht allzu große Auswirkungen auf die 2013er-Saison haben. Die 49ers sind dabei vermutlich am besten besetzt, brauchen nur noch einen Safety und sollten für ihre Kadertiefe was unternehmen. Trifft sich gut: Sie haben noch 13 Draftpicks und die Safety-Klasse gilt als tief besetzt. Seattle hat keinen 1st rounder mehr, weil der quasi für WR Percy Harvin drauf ging. Dafür ist der Kader der Hawks eine Augenweide, weil extrem vielseitig aufgestellt. Die Denver Broncos haben zwar kein Laufspiel und dürften etwas Nachbesserung bei den Inside Linebackers brauchen, aber die Secondary ist gigantisch - und sie haben mit QB Peyton Manning und OLB Von Miller vielleicht den jeweils besten Offensiv- und Defensivspieler der NFL.

CU in January-Fraktion

Das sind alles sehr gute Teams, die aber im Draft punkten müssen, weil sie zum Teil brutale Schwachstellen an unguten Orten haben. Green Bay, New England und Atlanta sind solange im Spiel, solange sich ihre Quarterbacks nicht verletzen, aber beide können Nachbesserungen gebrauchen: Die Packers in der Front Seven, die Patriots auf Wide Receiver, im Pass Rush und in der Pass-Deckung. Atlanta muss seinen Passrush aufmotzen.

Cincinnati ist möglicherweise das aktuell drittbeste Team in der AFC und prinzipiell vor allem einen Quarterback vom großen Wurf entfernt. Kriegen die Bengals Andy Dalton gebogen, ist das hässliche Entlein ein Titelanwärter. Houston steht für mich mittlerweile eine Stufe unter den Bengals, weil sie sich in der Offseason eher verschlechtert haben. Offense Line, Wide Receiver und Linebacker könnten Upgrades vertragen.

Die Chicago Bears müssen ihre Protection-Probleme in den Griff kriegen und Offensive Liner draften. In der Abwehr muss eine Verjüngung punktuell begonnen werden. Carolina ist ein gigantischer Sleeper, der zuallererst bei den Defensive Tackles und Cornerbacks ansetzen sollte und, wenn es sich grad ausgeht, seinem QB Cameron Newton eine zweite Waffe neben dem Altmeister Steve Smith zur Seite stellen.

Playoff-Anwärter

Das sind allesamt Teams, die zwar gefährlich sind, aber aus verschiedenen Gründen zum Zeitpunkt heute nicht unbedingt in den Playoffs erwartet würden. Es fällt vielleicht auf, dass die gesamte NFC East hier vertreten ist. Die NFC East war über viele Jahre die hochwertigste NFC-Division, aber mittlerweile ist sie maximal noch „gut“ besetzt. Es fehlt das Ausnahmeteam. Die Giants müssen ihren Passrush reanimieren, die Cowboys werkeln seit Jahren um massive Probleme mit ihrer Salary Cap und kriegen deswegen keinen vollkommenen Kader gebacken. Die Redskins müssen sich fragen, ob sie RG3 nochmal verheizen wollen und die Eagles… das Projekt Chip Kelly wird faszinierend zu beobachten sein, aber die Division ist eine ungemütliche, um damit zu starten.

Pittsburgh ächzt zwar unter Alterserscheinungen, aber es ist immer noch hinreichend Qualität für einen Playoff-Lauf vorhanden. Baltimore durfte schon zuletzt als eher unerwarteter Superbowl-Champ durchgehen und rotierte danach erstmal seinen Kader schön durch, sollte aber nicht viel schlechter als letztes Jahr aufgestellt sein. Die Saints müssen praktisch alle Picks in die Defense stecken. Washington muss auf die Genesung seiner wichtigsten beiden Leute, RG3 und Brian Orakpo, hoffen - keiner von beiden Fällen ist eine Garantie. Schließlich die Detroit Lions, im letzten Jahr weit unter Wert geschlagen und eigentlich ganz gut aufgestellt, aber a) ist die Division knochenhart und b) gibt es noch Lücken in der Offense Line und auf Defensive End, und richtig Vertrauen erweckt die Secondary auch noch nicht.

Mittelmaß

Das sind die Teams, die noch ein Stück vom Durchbruch entfernt sind. Die Minnesota Vikings spielten eine starke Saison, haben aber ein Ernst zu nehmendes Quarterback-Problem an der Backe und brauchen noch Verstärkung in der Pass-Deckung. Die Indianapolis Colts waren eine der Geschichten der Saison, und sie haben einen jungen, hoffnungsvollen Mannschaftskern um den vielleicht künftig besten NFL-Quarterback Andrew Luck. Aber man kann schlicht nicht dran vorbeischauen, dass die Defense der Colts zuletzt horrend war und händeringend via Draft Playmaker braucht. Die Colts werden heuer eine bessere Mannschaft stellen, aber sie werden kaum elf Spiele gewinnen. Vielleicht werden sie durch die einfache Division nach oben gespült. Miami machte größtenteils suspekte Moves, kaufte sich glitzernde Stars wie WR Mike Wallace ein, verschlechterte sich aber überwiegend auf Left Tackle und vor allem bei den Cornerbacks - Ersatz ist vor allem auf letzterer Position händeringend gesucht. Schließlich San Diego, wo sich alles um die Offense Line drehen dürfte: Die war zuletzt wirklich schwach, und es gibt wenige Quarterbacks, die, wenn sie mal die Zeit kriegen, gefährlicher sind, als der Chargers-QB Philip Rivers.

Geheimtipps

Alles erwartet von den Buccs den Einkauf von CB Darrelle Revis, und für kein Team würde dieser Trade mehr Sinn machen als für Tampa: Blutjunges Mannschaftsgerüst, das alles hat, nur keine gute Secondary. Diese wurde bereits verstärkt und bekäme mit Revis noch einen Boost. Die Division der Buccs ist schwer, aber Playoffs würden mich ebenso wenig überraschen wie… ein Totalkollaps. Der passiert dann, wenn QB Josh Freeman wieder beginnt, haufenweise INTs zu produzieren. Cleveland hat primär drei Optionen im Draft: Seine eh schon starke Secondary verstärken, Passrush aufmotzen oder Wide Receiver in der Offense. Die Browns sind näher dran als man glauben würde - sie müssen „nur“ QB Weeden in die Gänge kriegen. Kansas City hält den Top-Pick und ist für ein Team, das den Top-Pick hält, exzellent aufgestellt. Die größten Löcher sind auf Defensive Tackle und Wide Receiver (und Quarterback, trotz des Smith-Kaufs), aber das Spielermaterial könnte die Chiefs zum Einberufen eines Offense Tackles zwingen.

Arizona könnte mit QB Carson Palmer den Glücksgriff des Jahres gelandet haben, war die QB-Position doch die Schwachstelle schlechthin einer ansonsten sehr gut aufgestellten Mannschaft. St Louis hat andere Probleme: Die Rams lechzen überall nach mehr Tiefe und Topathleten. Glücklicherweise halten sie die nächsten beiden Jahre so viele hohe Picks wie kein anderes Team. Schließlich Buffalo: Auch keine ganz schlecht aufgestellte Mannschaft, die aber dringend einen Franchise-QB benötigen könnte - ein Franchise-QB, der nach menschlichem Ermessen in diesem Jahr kaum zu haben sein wird.

Bodensatz

Gang Green müsste eigentlich einen Umbruch einleiten, aber HC Rex Ryan scheint nicht im Umbruch-Modus zu denken. Es bräuchte Frischblut, am dringendsten auf Quarterback, Running Back und Wide Receiver, aber womit? Die Jets haben wenige Ressourcen, und so könnte es am Ende auf einen Passrusher hinauslaufen. Tennessee sollte gezwungen werden, nach Jahren der Verwaisung endlich wieder auf seine alten Stärken - Offensive und Defensive Line - zu setzen und sich der insgesamt guten Draft-Klasse diesbezüglich bedienen.

Oakland ist ein Trümmerhaufen und sollte dieses Jahr ohne Rücksicht auf Verluste immer den so genannten „besten verbleibenden Spieler“ draften - viel zu verlieren haben sie in den nächsten beiden Jahren eh nicht. Dann aber sind die Raiders saniert und wieder gut aufgestellt. Jacksonville ist auch so ein Team mit einem furchterregend schwachen Kader, und nirgendwo ist man schlechter aufgestellt als auf Quarterback. Bloß: Riskieren die Jags zwei Jahre nach dem gigantischen Floß Blaine Gabbert den nächsten Griff in den Gully, wo doch nicht ein einziger Rookie-Quarterback als reif genug für einen schnellen Einsatz aussieht?

Divisional-Ranking

  1. NFC West: Seattle und San Francisco sind die zwei größten NFC-Superbowlfavoriten. Arizona hat eine großartige Defense und seit neuestem auch einen QB, aber machte einen unglücklichen Head Coach-Wechsel. St Louis… immensen Respekt für das, was Jeff Fisher im ersten Jahr dort aufgestellt hat.
  2. NFC South: Die Saints sind die aktuell vielleicht schwächste Mannschaft dieser
    Division. Nuff said.
  3. NFC North: Packers und Bears sind die Favoriten, aber ich würde Detroit nicht abschreiben. Die Lions haben Lücken, klar, aber 2012/13 war ein Freak-Unfall. Minnesota muss sein QB-Problem gelöst kriegen.
  4. AFC North: Cincinnati ist der early favorite, aber man sollte Pittsburgh niemals unterschätzen und auch Baltimore ist trotz Umbruch durchaus weiterhin konkurrenzfähig und dürfte in etwa mit der Regular-Season-Variante der abgelaufenen Saison vergleichbar sein.
  5. NFC East: Man traut es sich nicht zu schreiben, aber die Eastern Division ist mittlerweile die „leichteste“ in der NFC. Washington hat das RG3-Fragezeichen, die Giants müssen ihren Passrush in die Gänge kriegen, Dallas ist - naja - Dallas, sehr gutes Mittelmaß eben. Etwas schade für die Eagles und Chip Kelly, dass dieses interessante Projekt in der NFC stattfinden muss, wo es viel, viel härter zugeht als in der Schwester-Conference.
  6. AFC West: Denver stellt das beste AFC-Team. Kansas City ist eines der ungewöhnlichsten denkbaren 2-14 Teams und sollte dieses Jahr massiv verbessert sein (Playoff-Außenseitertipp). San Diego braucht schon etwas mehr, Oakland, wie bereits geschrieben, vorerst in Schutt und Asche.
  7. AFC East: New England bleibt der Favorit, weil sich Miami und Buffalo nicht weiterentwickeln. Die Bills müssen die QB-Frage gelöst kriegen, was Stand heute schwierig ausschaut. Die Jets sind nicht meilenweit von der Relevanz entfernt, aber sie sehen der Salary-Cap-Hölle ins Auge.
  8. AFC South: Jacksonville hat den schlechtesten Roster in der Liga. Bei Tennessee ist Skepsis ob der Entwicklungsaussichten von QB Jake Locker angebracht. Indianapolis ist besser aufgestellt als vor einem Jahr, sieht aber immer noch eher wie ein Team mit 6-8 Siegen aus. Houston ist der Favorit default.

Sieht danach aus, als sei die NFC mittlerweile tatsächlich der AFC um Längen voraus. Nur Denver, New England und mit Abstrichen Cincinnati würde ich in der NFC Playoffchancen zutrauen.

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