Mit „Sideline Report“ gibt es ab sofort eine weitere neue Kolumne. Thomas Psaier befasst sich in der ersten Ausgabe mit der NFL-Combine 2013. Lasset den Hype beginnen!

Autor:
Thomas Psaier

Die NFL-Combine 2013 in Indianapolis ist Geschichte. Combine, das ist die Veranstaltung, bei der jede Bewegung bis in die Pipette hinein analysiert, jedes Wort auf die Goldwaage gelegt und auf Reinheit gewogen wird.

Combine, das ist auch der offizielle Start für die zweimonatige Regentschaft der „Draftniks“, der Hardcore-Begleiter des NFL-Draftprozesses. Wo bisher Videoanalyse aus Spielsequenzen zählten, kommt ab sofort die Zeit der Show-Trainings, der Scouts, die vor lauter Bäumen keinen Wald mehr sehen und sich im April so sehr in ihrer Welt verirrt haben, dass am Wochenendes des NFL-Drafts (25.-27. April 2013) GM und Head Coach am besten beraten sind, sich auf ihre Intuition zu verlassen.

Selbst ohne leichte Überzeichnung kann man konstatieren, dass sich der Auswahlprozess für die größten Footballtalente des Landes längst zu einem Multimillionen-Business entwickelt hat, der die US-amerikanische Sportszene über Wochen den Atem anhalten lässt. Der NFL-Draft gilt laut der renommierten Zeitschrift Sports Illustrated als siebtbester Sporttag des Jahres, da ist es nur logisch, dass die Spannung peu a peu aufgebaut werden muss. Der inoffizielle Startschuss hierfür war, eben, die Combine in Indianapolis.

Größter Star auf der Bühne des Lucas Oil Stadiums war zweifelsohne Notre Dames Linebacker Manti Te’o, jener Mann, der einst ein Mädchen heiraten wollte, das er nie im Arm gehabt hatte. Das verstarb. Das es niemals gab. Im Jänner prügelte eine ganze Nation beim Rauskommen des Schwindels „Lennay Kekua“ für eine halbe Woche auf Te’o ein und machte sich lustig über die virtuelle Beziehung, die junge Menschen heute so führen. Te’o hatte in Indy viele Fragen zu beantworten, und er machte seine Sache auf dem Podium gemessen an den Befürchtungen recht gut.

Sogar noch mehr Wirbel machte Te’o mit dem Eingeständnis, dass eine Combine ungemein schlauchen könne: Er erklärte sich seine mäßigen Übungseinheiten mit dem permanenten Stress, dem die Nachwuchstalente bei einer Combine ausgesetzt sind - ein Unding. Die NFL will harte Jungs. Dieser beiläufige Nebensatz könnte Te’o nach dem Kekua-Stempel alsbald den Weichei-Stempel aufsetzen.

Die Quarterbacks

Bei den Quarterbacks sind sich die Experten relativ einig, dass es ein blasser Jahrgang ist und Quarterbacks nur deswegen in die erste Runde rutschen, weil es etliche Teams gibt, die verzweifelt nach Aushängeschildern suchen. Die landläufige Meinung ist: Der schwarze Schlaks von der West Virginia University, Geno Smith, ist noch der beste von allen und könnte in der ersten Runde einberufen werden.

Dahinter tat sich nicht viel. Matt Barkley/USC konnte aufgrund anhaltender Schulterprobleme keine Übungen bestreiten und die restliche QB-Mannschaft schenkte sich nichts. Tyler Wilson, Tyler Bray, Ryan Nassib, Mike Glennon, E.J. Manuel, Landry Jones und wie sie alle heißen: Alles Athleten mit unterschiedlichen Attributen, denen zwei Dinge gemein sind: Sie haben ihre Flauseln, und sie konnten in der Combine wenig zur Widerlegung selbiger machen.

Die positiven Erscheinungen in der Combine

Der hellste neue Stern ist OT Terron Armstead von Arkansas-Pine Bluff, einem College, das nicht einmal in der höchsten Kategorie des College Football mitmacht. Armstead lieferte überragende Trainingsleistungen und könnte gemeinsam mit seinen beiden guten Leistungen in den Allstarspielen im Jänner ein Mann für risikofreudige Teams in der ersten Runde werden.

Unisono gefeiert wurde auch OT Eric Fisher von der kleinen Central Michigan University. Fisher hatte einst in der Warteschlange um ein Sportstipendium am College anstehen müssen, biss sich durch und geht nun als gefährlicher Außenseiter auf den Top-Pick in die letzten zwei Monate. Ähnliches gilt bei den Guards für Jonathan Cooper, der fantastische Eindrücke hinterließ und als prototypischer Mann für ein Zonenblock-System gesehen wird.

In der Defense sollen vor allem zwei Passrusher ihre Aktien verbessert haben: DE Dion Jordan von Oregon, der trotz lädierter und zur Operation frei gegebener Schulter alles dominierte, was man dominieren kann.

Und DE Ziggy Ansah von BYU. Ansah ist das Aschenputtel des NFL-Drafts 2013: Vor wenigen Jahren und ohne der englischen Sprache mächtig zu sein aus Ghana in die Staaten gezogen, irgendwann mehr zufällig von der Tartanbahn auf das Footballfeld gewechselt und dort von Tag eins an alles in Grund und Boden gespielt. Ansah sagt man - verständlicherweise - noch technische Mängel nach, aber Ansah hat den Körper einer Naturgewalt, und könnte ganz weit vorn in der ersten Runde vom Tablett gehen.

In der Secondary glänzte vor allem CB Dee Milliner von Alabama, der als mittlerweile sicherer Top-10 Draftpick gehandelt wird.

Die Verlierer der Combine

Man kann nicht an OLB Jarvis Jones vorbeischauen, wenn man sich die tragischen Gestalten vor Augen führt. Bei Jones, einem d-o-m-i-n-a-n-t-e-n Passrusher am College von Georgia, wurden längst vergessen geglaubte Fragezeichen ob einer chronischen Beschwerde (für Experten: Spinale Stenose oder Wirbelsäulenverengung) wieder laut, und viele Experten vermuten, dass Jones eher später als früher gedraftet wird, weil das Risiko einer zu schnell fortschreitenden Verschlechterung zu groß ist. Jones könnte somit das Schicksal erleiden, das vor zwei Jahren einen anderen Passrusher, Da’quan Bowers, ereilt war: Vom möglichen #1-Pick runter in die zweite Runde.

Der Defensive Tackle von Utah, Star Lotulelei, konnte wegen einer Dehydration kurzzeitig nicht an den Einheiten teilnehmen und dürfte sich angesichts der starken Vorstellungen seiner direkten Positionskonkurrenten mittlerweile in die Defensive gedrängt sehen, was seine Aktien als höchst Gedrafteter auf seiner Position angeht.

Schließlich hinerließen zwei Männer von der Texas A&M University eher unglückliche Eindrücke: OT Luke Joeckel und DE Damontre Moore. Joeckel wird zwar weiterhin als Top-Pick für die Kansas City Chiefs gehandelt, aber es ist schwer daran vorbeizuschauen, dass seine Combine-Vorstellung dezent enttäuschte.

Bei Moore wäre „Enttäuschung“ noch eine Untertreibung. Moore stemmte für seine Position bodenlos nur schwache zwölf Mal die 102kg schweren Hanteln und verletzte sich bei seiner zweiten Sprinteinheit. Moore fiel in der Gunst der Scouts somit erstmal hinter seinen direkten „Widersacher“, den deutschen Defensive End Björn Werner, zurück und muss sich in den verbleibenden zwei Monaten in den Sichtungscamps mehr als beweisen. Werner selbst konnte die hohen Erwartungen auch nicht ganz erfüllen, konnte aber seine Kandidatur für die erste Runde zementieren.