Vor dem Draft hat sich natürlich auch noch Kolumnist Thomas Psaier intensiv Gedanken gemacht und präsentiert seine persönlichen Storylines des NFL-Drafts 2013.

Verfasst am 25.04.2013 um 08:39
von Thomas Psaier

Der NFL-Draft 2013 ist der interessanteste ever. Mit „interessant“ ist nicht großartig oder furchtbar gemeint, sondern die Unsicherheit: Es gibt in diesem Jahr keine unisono anerkannten Spitzenleute, für die NFL-Teams sämtliche Logik über Bord werfen um ihn zu draften. Die NFL von heute ist voll im Zeitalter des Wandels, und die neuen Anforderungen, die an neu kreierte Positionen gestellt werden, tragen dazu bei, dass nur sehr wenige Mock-Drafts annähernd an die Realität von nächstem Wochenende kommen werden.

Der Draft gilt nicht als „spitz“, sondern als „breit“ besetzt: Obwohl sich niemand um „den einen“ Star reißt, dürften in den ersten drei Runden im Schnitt bessere Athleten zu haben sein als in anderen Jahren. Die Stärken des Drafts liegen in der Offensive und Defensive Line, nicht unbedingt die marketingtechnisch besten Positionen.

Die Quarterbacks

Diese Werbestars - die Quarterbacks - gelten diesmal als insgesamt zu schwach, als dass drei Leute in den Top-10 weg gehen. Manche erwarten einen einzigen Quarterback in der ersten Runde. Andere gehen wiederum von drei bis vier Quarterbacks in der ersten Runde aus. Worin sich alle einig sind: Es gibt kein Prospect, das annähernd „fertig“ aussieht. Geno Smith, Tyler Bray, Ryan Nassib, Matt Barkley, EJ Manuel, Mike Glennon und wie sie alle heißen, sind alles Jungs mit verschiedensten Talenten für unterschiedliche Spielsysteme, die eigentlich nur eines eint: Sie kollabieren beim ersten Anflug von Druck in der Pocket. Das ist tödlich in der NFL und es wird spannend, inwiefern Teams der Verlockung, einen Quarterback zu draften, widerstehen können. Es gibt etliche Teams, die einen Quarterback gebrauchen könnten, aber es gibt wenige, die es mit dem Zusatz „händeringend“ tun.

Die Ausländer

Der NFL-Draft 2013 ist der Draft der Ausländer. Selten, dass es so viele Einflüsse von anderen Kontinenten gab wie diesmal, und noch ungewöhnlicher: Es sind nicht die Jungs für die siebte Runde, sondern die aus der ersten, zweiten und dritten Runde, also jene, die schon mal qua Status als Stammspieler eingeplant sind.

DE Björn Werner ist zum Beispiel Deutscher und wird mit hoher Wahrscheinlichkeit der erste deutsche Spieler werden, der in der ersten Runde vom Board geht. Der Muskelberg DE Margus Hunt kommt aus Estland. OT Menelik Watson ist Brite. DT Jesse Williams kommt von Down-Under in die NFL und erlernte die Grundzüge des Spiels im Rugby und Australian Football. DE Ezekiel Ansah, ein möglicher Top-10 Pick, ist Ghanaer, und spielt erst seit drei Jahren Football, seit er sich auf der Suche nach dem Basketball-Court auf dem Gridiron verirrte. Ein weniger bekannter Name ist Lawrence Okoye, auch Brite, und einer, der bei den Olympischen Spieler im Diskuswurf im Ring stand. Die Schweizer schicken einen Außenseiter ins Rennen: OL Daniel Glauser von FSU, der aber nur geringe Chancen hat gedraftet zu werden.

Sie alle eint, dass sie den schweren Weg in die Staaten gingen, sich durch das College-System bissen und die latente Skepsis der US-Amerikaner gegenüber „fremden“ Einflüssen bekämpften. Football ist der schwierigste US-Sport für Ausländer, aber diese Jungs kommen bereits mit einigem Buzz in die NFL. Sie eint aber auch, dass sie allesamt keine Spieler im Fokus der breiten Masse sein werden; diese sind Quarterbacks, Running Backs, Wide Receivers - die Spieler, die den Ball halten und entsprechend auch meistens im Bild sind.

Die emotionalen Storys

Kein Jahr ohne die besonders herzerweichenden Geschichten im Vorfeld des Drafts. Diesmal geht es vornehmlich um vier Spieler. Der bekannteste ist LB Manti Te’o, dessen „Hoax“ mit der erfundenen Freundin im Jänner massiven Staub aufwirbelte, aber das hat sich mittlerweile gelegt. Das große Überbleibsel wird die Einbürgerung des Terminus „Catfishing“ bleiben, der im Zuge des Te’o-Bashings US-weit Kultcharakter erlangte.

Ein zweiter Spieler ist RB Marcus Lattimore, der seit Jahren als nächstes Supertalent und Adrian Petersons würdiger Nachfolger gehandelt wurde, sich aber im Oktober eine fürchterlich ausschauende Knieverletzung mit mehreren kaputten Bändern zuzog und möglicherweise nie mehr der Alte sein wird. Lattimore bekam bei seinen kurz gehaltenen Übungseinheiten Standing Ovations und gilt als inspirierender Teamkollege, soll auch wieder zumindest fit für Einsätze werden, fällt aber mit einiger Sicherheit in den Draft-Boards durch in zumindest die dritte Runde.

DT Sharrif Floyd von der University of Florida ist ein Junge, der froh wäre, wenn er von der Straße kommen würde. Floyds Geschichte liest sich drehbuchreif, ein kleiner Junge, der im Säuglingsalter den Vater verliert, Mutter spritzt sich eine Piepe nach der anderen rein und Klein-Sharrif schlägt sich unter der Brücke durch. Bekam Hilfe von einem weichherzigen Mann. Ging ans College. Bekam von besagt weichherzigem Mann Kohle und Scooter. Wurde deswegen von der NCAA gesperrt - illegales Boostertum. Zögerte nicht lange und ließ sich von besagtem Mann adoptieren. Und ist heute ein relativ sicherer Top-10 Kandidat.

Sehr krass ist auch die Story von CB D.J. Hayden von der University of Houston. Bei Hayden riss im vergangenen November beim Versuch, seinen besten Kumpel zu tackeln, eine lebenswichtige Vene kurz vor dem Herzen. Die internen Blutungen und der fast unausweichliche Tod konnten nur durch eine Notoperation gestoppt werden, und Hayden überlebte um Haaresbreite. In der Folge war Hayden nun monatelang eine Wundertüte: Alle sahen ein, dass er zu den größten Talenten dieses Jahres gehörte, aber erst vor einer Woche erfolgte das grüne Licht der Ärzte für eine weitere Profikarriere. Tenor: Der Trainingsunfall war so unwahrscheinlich, dass man Hayden wieder spielen lassen könne. Die Verletzung ist soweit ausgeheilt, Langzeitschäden sind auszuschließen. Hayden gilt nun plötzlich als Kandidat für die erste Runde, auch wenn sich manches Front-Office fragen wird, wie Hayden die mentale Hürde überwinden will, wenn im nächsten Spiel der erste große Hit ansteht.

Was machen die Teams?

Es ist lange her, dass wir so kurz vor dem Draft noch keinen blassen Schimmer hatten, welche selbst die ersten Spieler sein werden, die diesmal einberufen werden. Die Kansas City Chiefs zum Beispiel draften als erste, da sie die schlechteste Sieg-Niederlagen-Bilanz in der letzten Saison hatten. Diese Chiefs besitzen aber schon einen erstaunlich guten Kader und dürften auch ihr Quarterback-Problem mit dem Einkauf von QB Alex Smith halbwegs gelöst haben. Die Chiefs brauchen auch alles andere als einen Offensive Tackle. Eigentlich. Aber halb Amerika sieht entweder OT Luke Joeckel von der Texas A&M University oder OT Eric Fisher von der kleinen Central Michigan University zu den Chiefs gehen. Ob das Sinn macht, darüber lässt sich streiten.

Dahinter draften die Jacksonville Jaguars, die zwar nichts dringender bräuchten als einen Quarterback, aber auch ansonsten viele Löcher im Kader haben und mit QB Blaine Gabbert einen jungen Mann haben, den sie vielleicht noch nicht komplett vor die Hunde gehen lassen möchten. Dazu haben die Jaguars eine rundumerneurte sportliche Leitung, von der man nicht so recht weiß, wohin sie die Franchise lenken will.

Die dritten sind die Oakland Raiders, mal wieder im verzweifelten Versuch des Neuaufbaus begriffen. Die Dogmen des verstorbenen Besitzers Al Davis gelten nicht mehr, und die Pläne von GM Reggie McKenzie sind noch ziemlich unbekannt. Das QB-Problem wurde mit dem Einkauf von Matt Flynn aus Seattle bereits angegangen, und sowohl die Offensive als auch die Defensive Line brauchen dringend Verstärkung.

An #4 sind die Philadelphia Eagles dran, wo mit Chip Kelly einer der innovativsten Köpfe als neuer Head Coach eingestellt wurde. Bei Kelly weiß man nur, dass er auf vielseitige, schnelle und großgewachsene Athleten steht. Am liebsten würde er wohl einen Passrusher wie Dion Jordan - zufällig einer seiner Schützlinge an seiner letzten Station am College in Oregon - holen, aber wenn der nicht mehr zu haben ist, ist alles offen.

Die fünften sind die Detroit Lions, ein unterschätztes Team, wo man zumindest die Schwachstellen klar ausmachen kann: Offensive Tackle, Defensive End und Cornerback. Für alle Positionen sind gute Athleten zu haben. An #6 draften die Cleveland Browns, denen ein Wide Receiver gut zu Gesicht stehen würde, auch wenn ein Cornerback wie Dee Milliner nicht überraschen würde.

An #7 bei den Arizona Cardinals scheint geritzt, dass es ein Offensive Tackle wird. Bei #8 Buffalo riecht es entweder nach Wide Receiver oder Quarterback, wobei viele davon ausgehen, dass die Bills den Quarterback nicht vor der zweiten Runde holen. An #9 bei den Jets ist vieles möglich, von Passrusher über Quarterback hin zu Wide Receiver, und man beachte, dass die Jets nach dem Verkauf von CB Darrelle Revis auch noch den Pick #13 halten. #10 Tennessee dürfte mit hoher Wahrscheinlichkeit Offensive Line draften: Entweder Tackle oder Guard.

Was auch keiner ausschließen will: Eine Lawine an Trades schon zu Beginn des Drafts. Auf alle Fälle sind diesmal Spannung und entsprechend viele Emotionen garantiert. Ab 02h in der Nacht auf Freitag live bei ESPN America, im NFL Network (über NFL Gamepass empfangbar) und auch wieder als Livestream bei NFL.com.

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